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  • Andrea Stadler

Von der Diskriminierung, im Jahre 2020 ein Heiratsurkunde zu benötigen, um den Partner zu sehen

Es sind absurde Zeiten. Zeiten in denen ich spüre, was mir schon lange klar ist:


Ich bin dem Staat, dem ich ‚angehöre‘, machtlos ausgeliefert und ich bin dem Staat egal.



Meine Gedanken zählen nichts, genauso wenig wie meine Herzensanliegen und meine Gesundheit. Ich bin Bürgerin und somit habe ich zu folgen. Denken ist nicht gefragt, handeln auch nicht, fühlen sowieso nicht. Alles was zählt ist Folgsamkeit. Und das finde ich zum Kotzen!


Genau genommen gehöre ich zwei Staaten an. Ich bin in Besitz eines Schweizer Passes und eines deutschen - EU-Bürgerin also. Der zweite ist seit Jahren abgelaufen.

Ich bin daran, nach Italien auszuwandern, in den verlassenen Süden, wo sich meine Seele wohlfühlt und wo mein Herz eine Heimat gefunden hat. Da das nicht so einfach von heute auf morgen geht, habe ich das letzte Jahr grossenteils im Süden verbracht und bin zwischendurch in die Schweiz gereist, um meine Angelegenheiten zu regeln, Menschen zu treffen und Geld zu verdienen. So bin ich auch Anfang März wieder in den Norden gekommen, mit der Intention, maximal fünf Wochen, also bis Ostern, zu bleiben und während meines Aufenthaltes das Deutsche Konsulat aufzusuchen, um meinen Pass zu erneuern. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass es in den Sternen stehen wird, wann ich wieder nach Hause komme und nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ein Konsulat geschlossen wird und eine Passerneurung nicht möglich ist.


Nach hause, wo mein Herz ist


Nach hause, da wo mein Partner ist, da wo mein Herz ist, da wo auch das Haus steht, in dem ich wohne und wo auch mein Schweizer Pass liegt - da, wo ich sein will. Was ich will, zählt nicht. Dass ich liebe und mein Herz seit acht Wochen weint, das zählt genauso wenig.


Alles was heute zählt sind ‚Corona-Tote‘ und Strategien, wie die Wirtschaft wieder hochgefahren werden soll. Menschen, die sich lieben und vor Corona entweder noch nicht am Punkt waren, zu heiraten oder gar nie heiraten wollen, weil für sie ein Papier nichts an ihrer Liebe ändert, die werden bestraft und diskriminiert. Der Schweizer Bundesrat sei sich bewusst, dass die gängige Praxis ungerecht sei, dennoch halte er daran fest, von Italien habe ich gar nichts gehört.


Es gibt Momente, in denen bin ich fassungslos. Fassunglos, dass ich im Jahre 2020 eine Heiratsurkunde benötige, um meinen Partner zu sehen und fassungslos, dass das einfach so hingenommen wird. Ja, was sollen wir denn tun? Hat mich gestern mein Partner gefragt. Und ich frage mich das selber. In mir sind Kräft aktiv, die kämpfen und protestieren wollen. Gleichzeitig fühle ich mich machtlos und handlungsunfähig. Wo soll ich denn hingehen? Wer hört mir zu? Und wen interessiert schon, was ich zu sagen habe oder wie es mir geht?


Die Hoffnung, dass Menschen aufwachen und umdenken


Alles was mir bleibt, ist zu schreiben und die Hoffnung, dass Menschen, denen zugehört wird, Menschen, die in Positionen sind, die in ‚unserer‘ ‚Gesellschaft‘ ‚Gewicht haben‘, so viel Druck machen, dass diese Willkürgesetze einstürzen, dass Landesgrenzen sich öffnen werden - für Menschen wie mich, die lieben ohne Papiere und solche, die Reisegründe haben, die für die Wirtschaft nicht relevant sind.


Und natürlich ist da die Hoffnung, dass diese aktuelle Katastrophe - und ich meine nicht das Virus, sondern die Handlungen unserer Regierungen - viele, viele Menschen zum Denken und Umdenken anregen.

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