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  • Andrea Stadler

Ich wollte immer keine Kinder

Wie alt ich genau war, das weiss ich nicht mehr, sechs, sieben Jahre, wie ich mich erinnere – aber was ich noch bestens weiss, ist, wie klar ich wusste, was ich da mitteilte:


„Ich werde nie heiraten und ich werde nie Kinder kriegen.“,


verkündete ich meiner Familie auf der Terrasse meiner Grosseltern.


Allgemeines Lächeln, Ausdruck für die Unterhaltung, die ich da bot und Untermalung der Reaktionen, die ich auf meine Aussage erhielt.


„Du bist noch viel zu jung, um das zu wissen.“, „Wenn du grösser bist, wirst du deine Meinung ändern.“


Woher wollen die das wissen? Ich wusste an diesem Tag, wie ich es an jedem weiteren Tag meines Lebens wusste, dass das die Wahrheit ist, die ich da sprach. Und, einmal mehr fühlte ich mich unverstanden. Wieso lachen die? Wieso werde ich nicht ernst genommen? Woher wollen die wissen, was ich wollen werde?


Ich liebe Kinder und Kinder lieben mich


In meinem Leben waren Kinder immer präsent. Als ich selber noch fast ein Kind war, habe ich jüngere im Voltigieren trainiert, meine Nachbarin gehütet. Ich wurde Lehrerin und ein grosser Teil meines Lebens drehte sich um Kinder. Auf meinen Reisen schien ich Kinder magisch anzuziehen und jede Begegnung mit einem jungen Menschen erfüllt mich schon immer mit Freude und Liebe.

Ich liebe Kinder, anders kann ich es nicht sagen. Ihre Natürlichkeit, ihre Spontanität, ihre Echtheit – Kinder geben mir viel – und ich weiss, dass auch ich ihnen viel gebe.


Immer keine Kinder wollen versus nie Kinder wollen


Von Menschen ohne eigene Kinder höre ich oft: „Ich wollte nie Kinder.“ Sie sagen mir, dass sie nie einen Kinderwunsch verspürten. Es tut gut, die Vielfalt von uns Menschen zu erfahren. Da sind die, die ihr Leben lang wissen, dass sie eine Familie gründen wollen, die, die ein Kind haben über eine Partnerschaft stellen, die, die unerwartet Eltern werden und es als beste Fügung in ihrem Leben erfahren – natürlich gibt es auch das Gegenteil und die ganze Bandbreite dazwischen. Da sind die, die ihre Erfüllung in der Begleitung nicht eigener Kinder finden. Das sind dann Kinder eines Partners, Kinder der Gemeinschaft, in der sie Leben, Pflegekinder oder Kinder, zu denen ihr Beruf sie geführt hat. Diese Vielfalt (die natürlich noch viel grösser ist) bereichert und ich freue mich mit jedem, der sein Glück mit Kindern lebt. Da sind aber auch diese Menschen ohne Kinderwunsch oder jene wie ich, die bewusst keine Kinder wollen und ich freue mich mit ihnen, dass sie diese Wege gehen.

Nie Kinder wollen ist das Ausbleiben eines Wunsches. Ein Wunsch, der in unserer Gesellschaft als normal angesehen wird, der aber offensichtlich nicht für alle natürlich ist.

Wie viel dieser Kinderwunsch ein wirklich eigener, aus dem Herzen kommender Wunsch ist und eben nicht einer aus dem Verstand – Kinder haben ist normal, das wünscht sich jeder – das sei dahin gestellt.


Immer keine Kinder wollen ist anders als ein Ausbleiben eines Wunsches, ein Wissen, ein sich bewusst sein, dass Kinder kriegen, nicht zu diesem Leben gehört. Bei mir ist das so. Ich weiss schon immer, dass ich keine eigenen Kinder haben werde. Ich weiss, dass es nicht zu meiner Lebensaufgabe gehört. Natürlich kann ich ein Kind bekommen und ich denke, ich wäre keine schlechte Mutter. Ich würde dieses Kind lieben und meine Mutterrolle annehmen.


Auch ich wollte schon geschwängert werden


Natürlich habe auch ich Momente erlebt, wo jede meiner Zellen mit dem einen Wunsch durchtränkt war, der da fleht: „Bitte, schwänger mich!“ Genau genommen erlebte ich das vielleicht zwei-, dreimal und zwar in Momenten tiefster Verbindung mit meinem Seelenpartner. Ich kenne mich, ich kenne meinen Wunsch nach Verschmelzung, der der Auflösung meiner selbst gleichkommt. Aus so einer Erfahrung heraus schwanger zu werden erscheint höchst romantisch, wäre in meinem Fall allerdings absoluter Selbstbetrug. Die Erfahrung einer (ich nenne es jetzt mal so) intensivster Emotion oder mehr noch transzendenter Erfahrung ist kein Grund für die Zeugung eines Kindes.


Nicht akzeptiert in unserer Gesellschaft


Keine Frage, für viele Menschen ist es kein Thema, ob jemand Kinder möchte oder nicht. Viele Menschen sind offen für die unterschiedlichsten Lebensentwürfe ihrer Mitmenschen oder sie verstehen, dass diese sie nichts angehen. Das ist so und das ist wunderbar.


Mir als kinderlose Frau begegnen allerdings erschreckend viele Menschen, die mit Unverständnis auf meinen Lebensentwurf reagieren. Hier in der Schweiz ist es vor allem die Tatsache, dass ich nie diesen Wunsch verspürte, die Menschen offensichtlich irritiert. Es gibt Menschen, die reagieren darauf, als würde ich sagen, dass ich nie den Wunsch verspüre, eine Umarmung zu erfahren oder Sex zu haben oder richtig fein zu essen. Ich bin ein sehr sinnlicher Mensch und zu geniessen ist für mich existentiell.




In diesem Leben habe ich eine andere Aufgabe


Und damit meine ich nicht, dass Mütter nur jene eine Aufgabe haben, ganz bestimmt nicht.


Es ist nicht so, dass ich keine Mutter sein will, da ich diese Vorstellung schrecklich finde. Nein. Es ist schlicht und einfach die Tatsache, zu wissen, dass ich in diesem Leben einen anderen Job habe und zu wissen, dass ich diesen Job nicht so erfüllen würde, wie ich das möchte, wenn ich Mutter wäre. Ich bin eine sensible Frau, die gut für ihre innere Balance schauen muss. Ich brauche meine tägliche Yogapraxis, ich brauche Zeit in der Natur und ich brauche so viel Zeit für meine Gedanken – ich weiss, dass ich unausgeglichen wäre, wenn ich das nicht in dem Mass leben könnte, wie ich dies tue. (Und ich weiss, viele Frauen haben ähnliche Bedürfnisse wie ich und leben diese und sind Mütter. Ich bewundere euch!)


Es gibt (wenige) Menschen, die geben mir zu verstehen, dass ich ein Egoist bin: „In deinem Leben dreht sich alles nur um dich“ höre ich dann. Einerseits weiss ich nicht, wo da das Problem liegt, andererseits weiss ich für mich, dass das nicht ganz so ist. Ich spüre mein Mutter-Sein im Zusammenhang mit meinen Projekten. Ich habe zum Beispiel ein Buch geboren. Wer weiss, vielleicht tut dieses Buch sogar jemandem gut? Und ich weiss, in irgendeiner Form werde ich in diesem Leben immer für Kinder da sein. Natürlich bin ich mir bewusst, dass aus diesen Menschen möglicherweise eine Portion Eifersucht spricht. Eifersucht die meine Freiheit betrifft.

Für die Italiener bin ich noch zu jung, um das in Stein zu meisseln


In Italien heisst es immer, wirklich immer: „Du bist noch jung, das wird sich schon noch ändern.“ Und ich denke mir, na ja, 35, 36, so jung ist das auch nicht mehr. Aber ja, ich habe gelernt, dass in Italien viele erst später Eltern werden. Aus dem einfachen Grund, dass sie es sich finanziell nicht früher leisten können.


Ich bin jetzt 37 Jahre jung und wer weiss, vielleicht spüre ich mit 41 den Wunsch, Mutter zu werden. Das wäre okay und wenn ich dann ein Kind bekommen würde, dann weiss ich, ich würde es aus ganzem Herzen lieben und ich würde mich dieser Aufgabe hingeben und es wäre dann richtig.


Heiraten und Kinder haben sind zwei Paar Schuhe


Zumindest für mich ist das so. Als Kind galt die logische Schlussfolgerung: Ich möchte keine Kinder, also werde ich auch nicht heiraten. Natürlich enthielt diese Logik auch eine Portion Reaktion auf das, was ich bei meinen Eltern miterlebte. So etwas wollte ich nie!


Mit den Jahren habe ich für mich erkannt, dass ich ein spirituelles Mich-Verbinden mit einem Mann etwas Wunderschönes finde. Heirat ist für mich eben ein spirituelles Ritual und verheiratet sein Ausdruck eines tiefen Empfindens von Verbundenheit. Für mich war es sehr heilsam, von „ich werde nie heiraten“ zu „für diese Erfahrung bin ich offen“ zu gelangen.


Ich bin geführt


So kann ich mich ganz frei meinen Lebensaufgaben widmen. Im Wissen, dass die Ehrlichkeit zu mir selbst mich zu den Erfahrungen führt, die für mich in diesem Leben anstehen.